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Täter - Opfer - die Frage nach dem Warum

„Warum?“
fragt sich alle Welt nach den Ereignissen von Winnenden.
Amok, Tod, Waffen und Schützenverein werden in Zusammenhang gebracht, mit fatalen Folgen für das Image der ursprünglich sozial und sportlich ausgerichteten Vereine die es übrigens europaweit gibt.

Seit Erfurt 2002 wurden die Waffengesetze drastisch verschärft, der Zugang zu gewaltverherrlichenden Videospielen verschärft, TV Anbieter vereinbarten auf freiwilliger Basis Gewaltszenen zu reduzieren. Spätestens jetzt nach den Ereignissen an der Albertville- Realschule müsste klar werden das es so einfach vielleicht doch nicht ist und die Antwort auf die Frage nach Vermeidung anders betrachtet werden muss.

Die Frage nach dem WARUM liefert stets die gleichen Antworten: fast immer sind es junge Menschen die aus ihrer Sicht in ihrem Leben keine Perspektive sehen, sich zurückgesetzt, gekränkt, erfolglos fühlen was zu einem Rückzug aus der Gemeinschaft führt. Fast immer werden Amokläufer als freundlich, unauffällig und introvertiert beschrieben. Immer wieder ist zu erfahren das die Täter über längere Zeit Frust und Aggression, aber auch Angst und Kränkungen in sich hineingefressen haben - bis es zur Eskalation kam.

Hilferuf: "ich kann nicht mehr!" aber keine Hilfe - Täter oder Opfer?
Auch bei Tim K. war dies der Fall. Eine Mitschülerin sagte der Nachrichtenagentur AP, sie Tim K. habe ihr vor etwa drei Wochen einen Brief gezeigt. „Er schrieb seinen Eltern, dass er leidet und nicht mehr weiter kann“ Mitschüler hätten sich über ihn lustig gemacht, die Lehrer hätten ihn ignoriert. Der Pressekonferenz der Polizei am 12.März ist zu entnehmen das sich Tim im Vorfeld einer psychotherapeutischen Behandlung unterzogen hatte – wegen Depressionen, was die vorherige Aussage untermauern könnte.


Über 600 geplante Amok-Aktionen seit Erfurt
Genau hier, spätestens - sollte die Frage nach Vermeidung solcher Schreckenstaten ansetzen und nicht bei Verboten von Spielen und Waffen. Erfurt und Winnenden sind keine Einzelfälle, leider. In einem persönlichen Gespräch mit einen mir bekannten Mitarbeiter des NRW Innenministeriums erfuhr ich gestern – Stunden nach der Tat – das es seit Erfurt in der BRD etwas über 600 erfolgte, geplante und verhinderte solcher Taten gab. Vielfach ist eine Sensibilisierung eingetreten, Behörden werden aktiv und vieles was geplant ist kann verhindert werden.

Amoktaten solchen Ausmaßes erschrecken – wer genauer hinschaut wird merken das sich tagtäglich solche Ereignisse in einem kleinerem Ausmaß überall ereignen.

Amok mit Waffengewalt ist öffentlich - kleine "Aktionen" sieht man nicht
Die Schulzeit meiner Kinder ist noch nicht all zu lange her und ich entsinne mich das ein Kind ( 8Jahre) mit dem geladenen Revolver des Vaters in den Unterricht kam.
Ich entsinne mich – einem Jungen wurde von mehreren Mitschülern im Park eine Flasche in den After gesteckt, so das er im Krankenhaus behandelt werden musste. Der Versuch meines Gespräches mit dem Jugendamt war erfolglos, Täter und Familien waren bekannt – aber so lange nicht mehr passiert…! Und noch schlimmer: um das Opfer kümmert sich niemand!

"Ich wollt mal richtig sehen wie jemand tot geht!"
Ebenso erschreckend aus gleicher Zeit: ein 11jähriger Junge steht nach Schulschluss an der Ampel eines Fußgänger-Überweges, als die Autos anfahren versucht er kleinere Mitschüler vor die Autos zu schubsen. Das über Wochen hinweg, gottlob erfolglos.
Bei der Schulkonferenz wird erkennbar das der 11jährige Nachts bis vier / fünf Uhr Morgens vor dem Fernseher sitzt. „Ich wollte mal richtig sehen wie das ist wenn jemand tot geht!“ so die erschreckende Aussage des Kindes. Und die Mutter entrüstet sich, weist alle Vorwürfe zurück: dafür bringe ich mein Kind ja schließlich in die Schule!“

"Der Erziehungsauftrag wird delegiert..."
Diesen Satz und ähnliche hören mein Sohn und seine Freundin, beide staatlich anerkannte Erzieher, tagtäglich in ihren Einrichtungen. Eltern sind heutzutage vielfach der Meinung Erziehung kaufen zu können und verstehen nicht das Erziehung erlebt werden muss und Vorbilder bedarf. Die Idole der Jugend heißen heute Raab oder Paris Hilton. Dementsprechend sind die „Werte“ die den heranwachsenden auf den Weg gegeben werden.

Wer nicht den „Anforderungen“ genügt wird ausgegrenzt, wie man sich über Andere und auf deren Kosten lustig macht lernt die Jugend in diversen Fernsehshows. Das Thema wie es denen geht die hier die leidtragenden sind wird nirgendwo behandelt. Sensible junge Menschen leiden darunter – oft allein gelassen, und im Extremfall eskaliert die Situation…..

Leere Kassen - kein Geld für Kinder....
Wir leben in einem der reichsten Länder dieser Welt. Das Geld welches in unsere Zukunft – sprich die Erziehung der Kinder – investiert wird ist im Vergleich mit anderen Nationen sehr gering. Trotz ständiger Betonung der Politik auf Fortschritte werden Freizeiteinrichtungen geschlossen, Kinderbetreuungstätten leiden unter Personalmangel, bei Familienberatungsstättten müssen Hilfesuchende bis zu 18 Monate Wartezeit in kauf nehmen.
Hier fehlen Millionen - die Kassen sind leer, der Staat hat kein Geld mehr, so die Entschuldigung derer die es wissen sollten. Erstaunlich allerdings die Tatsache das plötzlich zig Milliarden zur Verfügung stehen wenn es darum geht Banken und Konzerne zu retten.

Materielle Werte haben oberste Priorität
Mir persönlich zeigt es eines ganz deutlich und dort sehe ich auch das Grundübel: Materielles hat in unserer Gesellschaft, in unserem Land deutlich Vorrang. Ich kenne Kinder die sind mit Handy’s, TV und PC’s bestens, aber niemand hat Zeit für sie und ihre Bedürfnisse. Das vermitteln und erfahren von Grundwerten bleibt auf der Strecke, vielmehr nehmen dann TV, Computerspiele und Internet maßgeblichen Einfluss auf die Erziehung und Meinungsbildung der Kinder.

Ein scheinbar Deutsches Problem?"
Wie Eingangs erwähnt: Schützenvereine gibt es fast überall, Kinder auch. In Benelux gibt ein sehr aktives Schützenwesen, Brabant, Flandern und Limburg gelten als Hochburgen. Das Problem Schützen und Amoklauf scheint aber eher ein deutsches Problem zu sein. In unseren Nachbarstaaten gibt es allerdings seit Jahren bereits in der Grundschule Fächer die sich ausschließlich mit emotionaler / menschlicher Kompetenz und Persönlichkeitsbildung befassen. Hier lernen Kinder besser und konstruktiver miteinander umzugehen – der Mensch wird in den Mittelpunkt gestellt und nicht das Materielle.

Die Folgen der Wohlstandsgesellschaft?
Die Jugend von Heute ist in einem nie dagewesenen Wohlstand aufgewachsen. Materiell haben diese Kinder und Jugendlichen auf so gut wie nichts verzichten müssen. Sie werden groß in dem Bewusstsein sich (fast) alles kaufen zu können. Die Schlussfolgerung daraus, auch Liebe, Freunde, Zuneigung und eigene Zufriedenheit kaufen zu können führt zu Frust und Enttäuschung, materielle Befriedigung ist immer kurzfristig und giert nach mehr.
Das stolze Gefühl stark zu sein, sich etwas erarbeitet zu haben, Erfolgserlebnisse, das sind Dinge die der Jugend heute weitgehend fremd sind, ebenso wie die Begriffe von Freiheit, Verantwortung.


Hinsehen ist unbequem aber dringend notwendig!
Was sich hier in Erfurt und Winnenden zeigt ist die Spitze eines gewaltigen Eisberges.Unter de Oberfläche verborgen gibt es ein erschreckendes Potential an Gewalt und Agression, wenn diese nach innen geführt wird und eskaliert,dann haben wir diese schrecklichen Taten.
Vieles spielt sich in einem kleineren Rahmen ab: zerstörte Busse und Bahnen, zertretene Papierkörbe oder Blumenkübel, Grafitti und nicht zuletzt der Umgang der Kinder untereinander! Wo ist der Anfang? Das Ende kennen wir!

2009 gibt Eltern die ihr Kind hoch fiebernd im Kinderhort abgeben, Kinder die blutend in den Hort kommen, vom Vater niedergestochen und Gewalt in Familien ist ein (verschwiegenes) Thema.
Wobei, eines sei bemerkt: ich wohne nicht in einem Brennpunktviertel!
Kinder in der Schule haben nichts zum essen - aber das neueste Handy, den besten MP3 Player....ist es nicht höchste Zeit umzudenken?

Bei mir im Stadtteil hat der St. Sebastianus Schützenverein Düsseldorf Bilk die Aufgabe übernommen sich um Kinder zu kümmern. Eine Aufgabe die Staat, Stadt und Kirche nicht mehr so leisten wie es nötig wäre. Rund 150 Kinder werden von einem ausgebildeten Erzieher betreut. In der Gemeinschaft mit Gleichaltrigen lernen sie Regeln und Werte die das Zusammenleben erleichtern, sie finden Ansprechpartner und Freunde. Dort bleiben sie bis zum 14 Lebensjahr um dann in bester Kameradschaft zu den Jungschützen mit ihren Events aber auch Aufgaben zu wechseln.
Ein erfolgreiches Konzept der Nachwuchsarbeit - vielleicht könnte hier die Politik mal von den Schützen lernen....

Quelle: Rene Krombholz - Weiterverwendung - auch Auszugsweise - nur mit Genehmigung des Autors



Letzte Aktualisierung: 01.02.2012
ISSN - 2190-9881



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